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Lesen lässt uns in Gedanken leben….
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Mit millionenfacher Lichtgeschwindigkeit glitt die SAMOSATA durch den Linearraum. Mit jedem Wimpernschlag, der über Arkan Mandrows Augen zuckte, überwand das Schiff eine Distanz, die dem Durchmesser eines kleineren Sonnensystems entsprach. Die Augen des Kommandanten der SAMOSATA glitten zu einer Datenanzeige. 57 Lichtjahre bis zum Ziel. Kaum mehr als 12 Minuten. Zu viel Zeit, für stumpfes Warten. Zu wenig, für genüssliche Ablenkung, in Form kulinarischer Aktivität. Kurz zuckte sein Blick nach oben, bevor seine Beine erneut damit begannen, ihn durch die Zentrale zu bewegen. Und kurz bevor er auf dem Weg war, den Eingang zu queren, kam eine Gestalt ins Bild, die zögerlich den Raum betrat. »Zhanir.« Arkan fügte dem Namen ein grüßendes Nicken hinzu. Mitten in der Bewegung kam der Angesprochene zum Stehen. »Komme ich ungelegen?« »Nein.« Arkan schüttelte den Kopf. »Absolut nicht. Und falls du Fragen hast.« »Fragen? Nein. Eher Neugier. Rein visueller Natur.« Arkans Kopf wies fragend in Richtung Panoramaschirm. »Exakt.« »Dein erstes Mal?« »Man mag es nicht glauben.« Zhanir begann verschmitzt zu lächeln. »Aber ich bin tatsächlich, das erste Mal in meinem Leben, schneller, als die Fragen meiner Frau.« Noch während Arkan darüber grübelte, ob er dem Vergleich irgendetwas Passendes abgewinnen konnte, deutete der Xenosoziologe auf den Schirm. »Was genau, sehe ich da?« »Die roten Schlieren sind eine Interpretation energetischer Signaturen. Die hellen Streifen sind, ebenfalls grafisch generiert, Sterne, die wir, im Abstand weniger Lichtjahre, passieren.« »Und das im Zentrum ist unser Ziel?« »Apok.« Arkan fügte ein mehrfaches Nicken hinzu. »Ein kleiner G-Klasse Stern.« »Apok?« »Abgeleitet vom griechischen Wort Apokryph, dessen Bedeutung man mit Verborgen definieren kann.« »Dann passt es ja.« »Apok liegt innerhalb des Lanthan Nebels der wiederum teilweise in den Markonta Nebel hineinragt. Das Gebiet ist hyperphysikalisch aktiv. Dennoch gibt es dort eine bewohnte Welt.« »Weswegen ich an Bord bin.« »Richtig. Denn unsere Daten zur dortigen Spezies sind 150 Jahre alt.« »Sie ist als planetengebunden eingestuft.« Der Ausdruck von Zhanirs Augen wechselte zwischen Neugier und Besorgnis darüber, dass ein planetengebundener Status eine direkte Kontaktaufnahme untersagen würde. »Etwas, was sich heute möglicherweise ändern wird. Schließlich deuten die Strukturerschütterungen, die von dort kommen, auf den Einsatz von Transitions- triebwerken hin.« Gleichzeitig richteten sich die Augen der beiden auf den Panoramaschirm. Denn dort begann das Abbild der Sonne nun deutlich größer zu werden. »Was interstellares Potential bedeutet und eine direkte Kontaktaufnahme erlaubt.« »Das ist leider nicht sicher. Natürliche Phänomene, als Ursache der Strukturerschütterungen sind zwar eher unwahrscheinlich.« Arkan wiegte dezent den Kopf. »Allerdings besteht auch die Möglichkeit, dass eine andere Spezies im Nebel agiert.« »Weshalb wir dann wohl vorsichtig sein werden.« »Richtig und deshalb...« Ein Aufflackern des Panoramaschirms tauchte die Zentrale in helles Licht. »... sind wir jetzt hier...« Arkan nickte in Richtung des Gasriesen, der die linke Hälfte des Panoramaschirms ausfüllte. »... und nicht näher an ihrer Heimatwelt.« Ohne es bewusst zu merken, machte Zhanir einige Schritte auf den Panoramaschirm zu. In überwiegend hellen roten und gelben Farben präsentierte sich hier der Markonta-Nebel. Auch der Gasriese glänzte mit einer Abwechslung zwischen roten und weißen Bändern und einem silbrig schimmernden, kaum wahrnehmbaren Ringsystem. Und genau zwischen dem Planeten und dem inneren Rand der Ringe brachte die Sonne Apok die Gasschwaden in ihrer Umgebung zu einem gelbgoldenen Leuchten. »Der Traum eines jeden Malers. Monochrom war gestern.« Arkan begann zu lächeln. »Ja, auffallend wenig Schwarz. Ist man gar nicht gewohnt.« »Eigentlich ist der Weltraum gar nicht so schwarz, wie wir ihn sehen.« »Dass wir nicht mehr sehen, liegt allein daran, dass unsere Netzhaut uns vor dem Unwesentlichen schützt.« »Vielleicht sollten wir uns bei der Evolution dafür bedanken, dass wir nur einen Bruchteil dessen sehen, was wirklich ist. Und sie gleichzeitig fragen, warum sie uns nicht mehr gönnt.« Arkan sog hörbar Luft ein, verzog den Mundwinkel und richtete seine volle Aufmerksamkeit auf Zhanir. »Werden wir jetzt philosophisch?« Gleich darauf bereute Arkan seine Frage, denn in den Augen Zhanirs eruptierte etwas, was man nur noch als Begeisterungsschub interpretieren konnte. »Die Evolution hat das Leben erschaffen und entwickelt es weiter, hin zu immer höheren Formen, bis etwas entsteht, das wir als Superintelligenzen bezeichnen.« Kaum gesagt, schienen Zhanirs Augen zusätzlich noch aufzuleuchten. »Und das Kuriose ist, dass, wenn man die Definition des Wortes Leben genau nimmt, Superintelligenzen nicht lebendig sind!« Ein tiefes Seufzen brummte durch Arkans Wangen. »Könnten wir uns darauf einigen, beim Begriff Leben, zwischen organischem, nicht organischem, energetischen und rein geistigem Leben zu unterscheiden?« »Existenz?« Zhanir begann dezent zu schmunzeln. Während die SAMOSATA damit begann, sich in Bewegung zu setzen und dabei einen Kurs wählte, der zwischen dem inneren Ringrand und dem Gasriesen hindurchführte. »Das hier...« Arkan klopfte auf die Konsole an der Lehne des Kommandositzes. »...existiert ebenfalls.« »Wie wäre es mit kognitiver Existenz?« »Ja.« Arkan legte die Hände zusammen und nahm sie vor den Bauch. »Das wäre dann wohl allgemeingültig.« »Aber nicht allumfassend.« ’Himmel!‘ Arkan dachte das Wort nur. Und dennoch schien Zhanir es zu hören. »Denn, wenn man auf die Ebene von Prokaryoten geht, stellt sich die Frage, ob etwas, bei dem kognitive Existenz nicht nennenswert ist, lebendig sein kann. Man könnte das nun so sehen, dass Leben nicht zwangsläufig mit kognitiver Existenz verbunden ist, dass aber kognitive Existenz nicht unbedingt organisch sein muss.« »Und was sind dann wir?« Wie von selbst wanderten Arkans Hände auf dessen Rücken. »Ein Mittelding, das nach der Form von Existenz sucht, nach der es nicht suchen müsste, wenn es über die kognitive Existenz verfügen würde, nach der es sucht.« »Habe ich erwähnt, dass es im Nebel ziemlich viel Strahlung gibt?« »Ja, hast du. Weshalb diese Art von Nebel auch relativ steri...« Zhanir unterbrach sich mitten im Wort und richtete einen imaginären Blick zur Decke. »SATA, eine Darstellung der Physiologie der Phytari bitte.« Augenblicklich projizierte der Schiffscomputer ein Hologramm der Spezies, deren Heimatwelt die Sonne Apok umkreiste. Mit 1,6 Metern lebensgroß, stand nun eine insektoide Gestalt in der Zentrale. Deutlich war noch das zurückentwickelte mittlere Beinpaar einer ehemals weit ausgeprägteren Hexapoden Form erkennbar. Der Kopf war entfernt libellenartig, zeigte aber eine deutliche Erhöhung. Faszinierend war hingegen das blauviolette Farbspiel des chitinartigen Exoskeletts. »Es gibt zwei Möglichkeiten dafür, dass sich auf einem Planeten innerhalb eines Nebels mit derartigem Strahlungsspektrum organisches Leben entwickeln kann. Zum einen wäre das eine überaus dichte Atmosphäre. Zum anderen eine spezifische organische Anpassung.« Zhanir deute auf das Exoskelett des Phytari. »Oberflächlich betrachtet, sieht es aus wie gewöhnliches Chitin. Tatsächlich ist es jedoch wesentlich weicher, vergleichbar mit einem etwas festeren Fingernagel. Dadurch entsteht eine Flexibilität, die die Grundlage ist, für etwas, was man als doppelwandige Chitinhülle bezeichnen kann. Das Besondere an dieser Konstruktion ist das, was sich zwischen der inneren und äußeren Hülle befindet.« Zhanir ließ seinen Blick über die insektoide Gestalt schweifen und blickte dann zu Arkan. »Hydrophiles Gewebe, das eine erhebliche Menge Wasser speichert. Aber das außergewöhnlichste ist, dass dieses Gewebe aus Zellen besteht, die wir als Krebszellen bezeichnen würden. Wobei jedoch nur die innen liegende Zellschicht über einen funktionsfähigen Zellkern verfügt. Das Gewebe ist de facto unsterblich. Und eine Mitose findet nur statt, wenn es externem Sauerstoff ausgesetzt wird, was nur bei Verletzungen der Fall ist.« »Also ein Krebs, der nur wuchert, um zu heilen?« Arkans Stimme klang ebenso gelangweilt, wie interessiert. »Ja, in etwa so könnte man es definieren. Nur das diese, sagen wir krebsartigen, Zellen keine Anomalie sind, sondern gezielt von der Evolution entwickelt wurden, um eine Funktion zu erfüllen, die es ermöglicht, dass normale Zellen, vor der Strahlung geschützt sind.« »So, als wären sie unter Wasser.« »Korrekt. Tatsächlich sind die Phytari amphibisch.« »Sie können also unter Wasser atmen.« »Atmen, Schwimmen, Essen. Zudem sind sie 4 bis 5 Mal so stark wie ein Mensch und können in unserer Umgebung problemlos existieren, während wir ihre Welt nicht betreten sollten. Jedenfalls nicht ohne Schutz. Wobei ein leichtes Strahlenschutzfeld bereits genügen würde.« Arkan warf einen Blick auf den rückwärtigen Panoramaschirm, wo der, langsam kleiner werdende, Gasriese zu sehen war. Und anschließend auf die Geschwindigkeitsanzeige. »10 Stunden, bis wir Phyla erreichen. Zeit für eine Pause.« Arkan kniff kurz die Augen zusammen und reckte sich, wie jemand der gerade beginnt, an Schlaf zu denken. »Jetzt?« Zhanir hob andeutungsweise eine Augenbraue. »Wir fliegen mit Ortungsschutz. Das Einzige, was man von uns sieht, ist das Verwirbeln von Gaspartikeln.« Wie in Zeitlupe drehte sich Arkan in Richtung des Ausgangs. »Bis man das entdeckt, analysiert und interpretiert hat, sind wir angekommen.« * »Was ist das?« Ohne sich zu Arkan, der gerade in die Zentrale kam, umzudrehen, deutete Zhanir auf den Panoramaschirm. »Geht es etwas genauer?« »Dieses Flimmern.« »Das stammt von ionisierten Gaspartikel, die mit unseren Energieschirmen interagieren. Der Markonta Nebel ist voll davon.« »Ich habe so etwas noch nie gesehen.« Immer noch blickte Zhanir geradeaus. Auch das Blinzeln der Wimpern schien sich um den Faktor zehn reduziert zu haben. »Diese Farben. Diese Strukturen, ohne jede Konstanz. Eine Sonne, die wie aus einem Nebel heraus scheint. Gut, wir sind..., sie ist, in einem Nebel. Und dennoch wirkt es irgendwie anders, als man denkt, dass es sein sollte.« Arkan erlaubte sich ein stilles Schmunzeln, während er sich rechts von Zhanir positionierte. »Was ist schon ganz genau so, wie es sein soll? Ja, sicher, unsere Technik. Die Naturgesetze. Physikalische Wirkungsprinzipien. Aber alles, was interagiert, hat die Freiheit ein, wie auch immer Erwartetes, Genau, zu verlassen, um maximal ungenau zu werden.« Für einige Sekunden erlaubte sich Arkan ein stilles Sinnieren. »Und, genau betrachtet, ist genau das, die Basis für Vielfalt.« Für eine gefühlt unnatürlich lang gedehnte Zeit standen beide schweigend nebeneinander, während die SAMOSATA an der Sonne vorbeizog, die die Backbordseite des Schiffes in ihr gelblich verfärbtes Licht tauchte. »Bist du besorgt?« Schließlich wandte Zhanir den Kopf und sah Arkan direkt an. »Warum sollte ich?« »Nun ja, wir sind auf dem Weg zu einem Erstkontakt. Und haben keine Informationen darüber, wie die indigene Spezies auf einen solchen reagieren wird.« »Die hat man selten.« Arkans Blick zuckte zu einer der Sensoroptiken des Schiffscomputers. »SATA, eine Außendarstellung des Anflugs, bitte.« Sofort wechselte das Bild auf dem Panoramaschirm und zeigte nun ein vergrößertes Abbild der SAMOSATA, wie sie, an der Sonne vorbei, in Richtung des zweiten Planeten des Systems flog. Jetzt erst war zu sehen, durch was für ein Meer aus Farben sich das Schiff bewegte. Um es herum und hinter ihm überwog ein helles Rot und Gelb, während vor ihm ein dunkleres Rot und bläuliche Grautöne warteten. Genau hier war ein Teil der Übergangszone zwischen Lanthan und Markonta Nebel, ohne das man, rein optisch, hätte sagen können, welche Gase und Farben zu welchem der beiden Nebel gehörten.
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