Lukana Inzident Seite 3 von 3
Lesen lässt uns in Gedanken leben….
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»Was...., was ist passiert?« Joan hörte die Worte, noch bevor sie erkannte, dass es ihre Eigenen waren. »Aufgrund eines medizinischen Notfalls habe ich stabilisierende Maßnahmen ergriffen. Deine zerebralen Blutungen sind aktuell um 98 Prozent reduziert.« ‘Hirnblutungen?!? Müsste ich da nicht Kopf- schmerzen haben? Müsste ich nicht tot sein? Tod? Die anderen! Leben ...‘ »Was ist mit den anderen?« »Sie befinden sich in vergleichbarem Zustand.« Joan fühlte, wie sie aufatmete. Gut, sie war verletzt, hatte Schäden davongetragen. Aber sie lebte noch. Und so, wie es aussah, würde es auch so bleiben. Vorerst jedenfalls. Vorerst?!? »Was..., die SAMOSATA..., waren wir...« »Die SAMOSATA erreicht soeben eine gesicherte Position im Orbit von SULPHUR. Ich habe mir erlaubt dem Mond, den wir vorhin passiert haben, diesen Namen zu geben.« »Das fremde Schiff?« »Vollführt taktische Manöver zur Erlangung einer neuen Gefechtsposition.« »SATA! Status!« Beim ersten Wort war Fawns Stimme noch hörbar holprig. Umso energischer klang das Zweite. »Linearkonverter ist außer Funktion. Gravopuls- triebwerk außer Funktion. Paratron außer Funktion. Energieniveau 8,3 Prozent. Ortungskapazität 32 Prozent.« »Die SAMOSATA?« »Verändert gerade ihren Gefechtsmodus.« Der bisher dunkle Panoramaschirm wurde über- gangslos aktiv und zeigte die SAMOSATA auf ihrer Position hinter SULPHUR. Und das, was dort geschah, ließ Joans Augen größer werden. Die SAMOSATA teilte sich. Die äußeren Ringstrukturen, inklusive der bogenförmigen Streben und der Polkappen, begannen sich von der Kernzelle zu entfernen. »Ich..., ich wusste nicht, dass sie das kann.« Joan erinnerte sich, dass Alshar kurz nach ihr an Bord gekommen war. Und offensichtlich hatte sich die Xenosoziologin nicht hinreichend über die Fähigkeiten der SAMOSATA informiert. »Die Ringsegmente sind die SAMO 1 und SAMO 2. Sie sind fernflugtauglich und enthalten die Haupt- bewaffnung, inklusive einem überschwerem KNK- Geschütz.« »Ich dachte, du bist Planetologin.« »Und neugierig.« Joan schmunzelte, während sie weiter gebannt auf die Szene blickte. »Warum flüchten sie nicht?« »Wegen uns, Teyra. Der Zustand der SATA 2 ist ihnen sicher nicht entgangen. Sie wissen, wir können nicht flüchten. Und eine Einschleusung ist bei diesem Gegner keine Option.« »Sind die verrückt! Wegen uns Vieren! Die wissen doch nicht mal ob wir noch leben.« »Arkan wäre nicht Arkan, wenn er uns einfach hier zurücklassen würde.« Joan blickte von Fawn zu Teyra und sah, dass deren Augen feucht wurden. »Sie sind weg!« Teyras aufgeregte Worte zogen alle Augen auf den Panoramaschirm. Und dort war gerade noch zu sehen, wie die SAMO 2 im Linearraum verschwand. »Sie schicken ihre Hauptbewaffnung weg? Warum?« Instinktiv beugte sich Alshar vor, um besser sehen zu können. Etwas, was in Wahrheit jedoch keinen Effekt brachte. »Haben sie die SAMOSATA aufgegeben? Vielleicht ist ihr Antrieb beschädigt. SATA! Wie ist die Situation?« »Es gibt keine Anzeichen für entsprechende Schäden. Im Übrigen hat auch die SAMOSATA ihre Position verlassen.« »Wohl nicht ganz freiwillig.« Alshars Finger wies auf den linken oberen Bereich des Panoramaschirms. Klein, aber aufgrund der Bewegung, deutlich zu erkennen, war dort das fremde Schiff zu sehen. Und es war fast schon in Gefechtsposition. Gerade noch rechtzeitig vollführte die SAMOSATA eine Drehung, beschleunigte und tauchte unter SULPHUR hindurch in Richtung des Gasriesen. »Verstehe ich nicht. Der Kurs bringt sie doch gleich wieder in Sichtweite der Fremden! Die müssen doch nur...« »Ja, Joan, und die haben das wohl auch begriffen.« Noch in die Bewegung hinein hatte Fawn erkannt, dass das fremde Schiff die Umkreisung SULPHURS aufgegeben hatte und nun zum Nordpol des Mondes aufstieg. Und von dort würde es ein weiträumig freies Schussfeld haben. »Ich verstehe nicht, warum...« Diesmal schaffte es Joan, sich selbst zu unterbrechen. Denn die SAMOSATA vollführte eine Drehung um 180 Grad. Im nächsten Moment blitzte es an ihrem oberen Pol auf. »Transformkanonen.« Fawn hauchte das Wort und zog es in der Mitte etwas in die Länge. Ein gewaltiger Explosionsblitz tauchte die gesamte obere Hälfte von SULPHUR in blauweißes Licht. Gleich darauf erfolgte eine zweite Explosion und in diese hinein eine dritte. Das fremde Schiff war nun nicht mehr zu sehen. Und als es, mit flammenden Energieblitzen auf seinem Schutzschirm, wieder auftauchte erfolgte die vierte Explosion. Und die hatte offenbar ein besonderes Kaliber. Denn dem Explosionsblitz folgte eine gleißende Energiewelle. »SATA?« »Trefferwirkung liegt unter Relevanzwert. Die Integrität des fremden Schutzschirms zeigt keine Interferenzen.« »Sie feuern!« Aufgeregt deutete Alshar auf das fremde Schiff. Wieder stand dieser rotgelbe Strahl im Weltall, stach direkt neben die SAMOSATA und schwenkte gleich darauf ins Ziel. Sofort zeigte der Paratronschirm Belastungszeichen. Doch nicht ganz so dramatisch, wie beim ersten Mal. »Sie haben den Radius reduziert. Die Stabilität ist um 50 Prozent erhöht. Jetzt kommt es darauf an, wie lange die Fremden im Dauerfeuer bleiben können. Endlos wird das ja wohl nicht sein.« Fawn merkte, wie skeptisch seine Stimme soeben geklungen hatte, aber gesagt war nun mal gesagt. »SATA! Situa...« »Nein, ich will es nicht hören!« Heftig fuhr Fawns Stimme dazwischen und stoppte Joans Anweisung an die KI. »Und überhaupt, ihr seht es doch selbst. Der Paratron ist wieder im Notfallmodus. Sie hängen wieder fest. Und wir können diesmal nichts tun. Gar nichts!« Joans Finger krallten sich in die Lehnen ihres Sitzes. Es durfte nicht sein. Es durfte einfach nicht sein. Sollte es wirklich wahr werden, dass eine friedliche Forschungsmission in einer Katastrophe endete? »Da! Seht nur.« Teyras Aufforderung war so laut wie nutzlos, denn alle hatten ihre Augen auf nichts anderem mehr als auf dem Panoramaschirm. Und dort war zu sehen, wie der Weltraum, über dem fremden Schiff, flimmerte. Im nächsten Moment sprang die SAMO 1 aus dem Linearraum und gleich darauf die SAMO 2. Schräg über dem fremden Schiff bildeten sie mit diesem ein spitzes Dreieck. Sekunden später wurde Joan klar, dass die Positionen wohl nicht zufällig waren. Grund dafür waren die Konstantrissnadelpunktkanonen. Denn beide Samos begannen mit genau diesen so zu feuern, dass die Strahlen auf dem Schutzschirm der Fremden zusammentrafen. Praktisch sofort entstand dort ein ringförmiger Lichtkranz. »SATA! Analyse.« Und diesmal hatte Fawn keine Einwände. »Der Einsatz der KNK-Geschütze ist auf das Röhrenfeld beschränkt. Die energetische Kohärenz des fremden Schutzschirms wird effektiv gestört.« »Schaffen sie es?« Gebannt und nach Zustimmung suchend blickte Teyra zu Fawn. »Möglich. Wenn nur die SAMOSATA ebenfalls ein- greifen könnte.« »Da! Sie sind durch!« Deutlich war zu sehen, dass die Strahlen der KNK- Röhrenfelder sich nun innerhalb des fremden Schutzschirms befanden und nun dessen hintere Innenseite angriffen. Und obwohl jeder Strahl nun einen eigenen Bereich des Schutzschirms traf, war der Effekt deutlich größer. »Wo bleibt das Wirkungsfeuer! Desintegratoren, Impulskanonen, Sie müssten doch irgendetwas einsetzen.« Pures Unverständnis stand in Teyras Gesicht. Und in dieses Unverständnis hinein durchbrachen die KNK-Geschütze nun den Schutzschirm vollständig. Keine Sekunde später blitzte es zwischen dem Backbordsegment und dem Zentralkörper des fremden Schiffes kurz auf. Teyras Kopf zuckte zurück in der unausgesprochenen Frage, ob das Alles gewesen sein sollte. »Was....« Weiter kam sie nicht. Denn die Helligkeit, die vom Panoramaschirm kam, stoppte Bewegungen, Gedanken und Worte. Das grelle Licht verschwand, fast so schnell, wie es aufgetaucht war, und legte die Sicht frei auf eine blauweiße Energiewelle, die scharf durch das fremde Schiff schnitt und auch noch den Paratronschirm der SAMO 2 zum Flackern brachte. Joan sah es mit angehaltenem Atem, sah ebenso, dass beim fremden Schiff offensichtlich die Energie- kerne erloschen waren. Aber bedeutete dies auch, dass sie es geschafft hatten? Oder etwa doch nicht? Das Schiff wirkte ansonsten unversehrt. Joan blickte genauer hin und bemerkte nun, dass das backbordseitige Segment torkelnd vom Schiff wegtrieb. Und mit ihm auch noch zwei weitere Trümmerstücke, die von den oberen und unteren Segmenten stammten. Das Schiff war auf seiner linken Seite regelrecht tranchiert worden. Und jetzt erst viel ihr auf, dass auch der Hauptkörper trudelnd abdriftete. »Ich habe von der SAMOSATA Koordinaten für ein Rendezvous erhalten. Unsere Antriebsleistung ist hierfür ausreichend.« Ein kaum spürbarer Ruck ging durch die SATA 2. Das Schiff beschleunigte, doch diesmal verhältnismäßig langsam. »Müssten wir jetzt nicht jubeln?« »Warum? Etwa weil Gewalt Gewalt besiegt hat? Ich, für meinen Teil, kenne weit bessere Gründe. Und vergessen wir mal nicht, dass auf LUKANA, jetzt in diesem Moment, eine Glaubenskrise entsteht. Also mir ist nicht zum Jubeln. Wirklich nicht.« Joan sah Alshar kurz an, doch in deren Augen war keine Spur von Freude zu finden. »Was machen die da?« Teyras Frage lenkte Joans Aufmerksamkeit auf das Geschehen draußen im All. Gerade eben erreichte die SAMO 1 das fremde Schiff. Ein Traktorstrahl wurde aktiv und begann dessen Trudeln von der Bugseite her abzubremsen. Und in das Manöver hinein erreichte die SAMO 2 das Heck und setzte ebenfalls ihren Traktorstrahl ein. Die beiden Ringsegmente der SAMOSATA nahmen das fremde Schiff in ihre Mitte und schufen eine energetische Ankopplung. Währenddessen glitt die SAMOSATA unter den beiden hindurch. Derart präzise getimt, dass sie die SATA 2 in dem Moment erreichte, als diese punktgenau am Rendezvouspunkt ankam. Zielgenau glitt die SATA 2 in den Hangar und erreichte ihre angestammte Parkposition. Gerade als Joan im Begriff war ihren Kontursitz zu verlassen, sah sie, dass der Panoramaschirm eine Außensicht der SAMOSATA zeigte. Deutlich war zu sehen wie der Verbund der Ringsegmente und des fremden Schiffes beschleunigte und kurz darauf im Linearraum verschwand. Und ein kurzer Blick auf die Instrumente verriet ihr, dass die SAMOSATA ebenfalls ein Linearmanöver gestartet hatte. * Arkan Mandrow glitt in dem Moment aus seinem Kommandositz, als Joan mit den anderen dreien die Zentrale betrat. Mit ruhigen, raumgreifenden Schritten kam er auf sie zu. Wortlos umarmte er Joan und ließ den anderen drei die gleiche Behandlung zukommen, wenngleich um eine gefühlte Sekunde weniger lange. Dann stellte er sich so, dass er alle vier im Blick hatte. »Wir alle stehen in eurer Schuld. Und ich freue mich, dass ihr jetzt vor mir steht. Nur solltet ihr nicht hier sein, sondern im Medocenter.« »Genau dahin sind wir ja auf dem Weg.« Joan lächelte mit reinster Unschuldsmiene, wurde gleich darauf aber ernst. »Ihr habt zu viel riskiert! Und sag mir nicht, dass es nicht knapp war.« »Na ja.« Arkans Lippen begannen sich ziemlich weit nach recht zu verziehen. »Also der Paratron war schon weg. Aber der Großteil der Besatzung befand sich auf den beiden Samos. Und der Rest saß startbereit in den Satas.« »Und du?« Arkan atmete tief ein und hob lediglich die linke Schulter. »Was ist mit den Fremden?« Fawn hielt Arkans schweigsame Antwort für die richtige Gelegenheit, um ins Gespräch zu kommen. »Wissen wir schon was?« »Wir haben ein paar Sonden an Bord geschickt. Auf deren Daten müssen wir jedoch warten bis wir aus dem Linearraum raus sind. Dann werden wir auch ein Bergungsschiff anfordern, das die restlichen Trümmer aus dem LUKANA-System holt.« »Aber nicht ohne Begleitschutz.« Joan verlieh ihrer Stimme eine gute Portion Eindringlichkeit. »Dieses fremde Schiff hat sich sicherlich nicht alleine gebaut. Wir wissen nicht, wo es herkam. Wir wissen auch nicht, ob die Fremden Kontakt zu einer Heimatbasis hatten. Aber wenn man sie dort vermisst, wird man sie suchen. Und sie werden wohl nicht nur mit einem einzigen Schiff kommen. Und wer weiß, was das für welche sein werden.« Arkans Blick wanderte zum Panoramaschirm. Irgendwo in dem schwarzen Nichts des Linearraums waren die beiden Samos mit dem fremden Schiff. Und irgendwo, im Diesseits der Existenz, war der Ort, von dem die Fremden gekommen waren.
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