Lukana Inzident Seite 2 von 3
Lesen lässt uns in Gedanken leben….
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»Wie knapp war das?« Alshars Stimme war nur eine Nuance unter dem, was man als hysterisch bezeichnen konnte. »Willst du nicht wissen.« Fawn blickte starr auf den Panoramaschirm, auf dem noch der Schimmer eines gelbroten Lichts nachzuglühen schien. Erneut blitzte es beim fremden Schiff auf, doch diesmal lag der Schuss recht deutlich daneben, was aber auch daran lag, dass die SATA 2 die Geschwindigkeit abrupt erhöht hatte. »SATA! Der Paratron?« »Konverter ist in Kalibrierungsphase. Und im Übrigen nutzlos.« »Der Strahl durchschlägt Paratronschirme?« »Nein. Jedoch übersteigt die Leistung die Schirm- kapazität um 280 Prozent. Was einer Karenz von 0,3 Sekunden entspricht.« »Das heißt, in dem Moment, in dem wir getroffen werden, ist es egal ob der Paratron aktiv ist oder nicht.« »Korrekt.« »Status Antrieb?« »17 Prozent Überlast im Notfallmodus. Zeit bis Sicherungsposition Gasriese 72 Sekunden.« Fawns Lippen verzogen sich, im stillen Zweifel daran, dass die Fremden der SATA 2 diese 72 Sekunden noch lassen würden. Ziemlich genau 2 Sekunden später stach erneut grelles Licht durch den Panoramaschirm. Und diesmal kam es zielsicher näher. »Ausweichmanöver!« »Aktiv! Trefferwahrscheinlichkeit 81,3 Prozent!« ’Wir sind zu schnell. Die Manöver sind nicht mehr abrupt genug.‘ In diesen Gedanken hinein begann sich Joan vorzustellen, dass sie schon in der nächsten Sekunde tot sein könnte. Und es würde so schnell gehen, dass sie es bewusst nicht mal wahrnehmen würde. Wie würde es sein? Würde sie noch existieren? Als bloßes Bewusstsein durch das Weltall treibend, die glühenden Reste der SATA 2 betrachtend? Wie würde es sich anfühlen tot zu sein? Wie würde es weitergehen? Abrupt verschwand das helle Licht vom Panoramaschirm. Und ebenso abrupt hallte eine Stimme durch die Zentrale der SATA 2. »Die SAMOSATA! Sie haben Transformbomben eingesetzt!« Erleichterung durchströmte Joan. Und mitten in die Erleichterung hinein musste sie an die Bewohner von LUKANA denken. Es war absolut unmöglich, dass dort die Explosion einer Transformbombe unbemerkt geblieben war. Immerhin gab es ja schon eine primitive Raumstation. Eher eine Art orbitale Kapsel. Aber eigentlich war das nicht relevant, da der Explosionsblitz im Bereich der Nachtseite LUKANAS gelegen hatte. »Das fremde Schiff existiert noch!« Fawn deutete aufgeregt auf den Panoramaschirm, wo zu sehen war wie die Fremden das Abdriften ihres Schiffes stoppten. Gleich darauf begann es senkrecht zur Polebene des Gasriesen aufzusteigen und drehte dabei den Bug in die Richtung, in der Fawn die SAMOSATA wusste. »Wieso feuern sie nicht?« Obwohl Joan nur flüsterte, durchschnitten ihre Worte die beklemmende Stille gleich der Schneide eines Schwertes. »SATA, Situationsanalyse.« »Die Leistungsparameter des fremden Schiffes liegen deutlich über denen der SAMOSATA. Das Energieniveau des Schutzschirms liegt über dem eines Paratron. Aktuell ist ein Verzerrungsfeld aktiv, das eine präzise Zielerfassung effektiv stört. Eine Kompensation ist möglich, erfordert aber mehr Daten und Berechnungen.« »Empfehlungen?« »Ich empfehle Rückzug. Das Temfiri-System liegt mit 271 Lichtjahren im erreichbaren Radius.« Nur im Weltall war es nun noch stiller als an Bord der SATA 2. Verstohlen und möglichst unauffällig sah sich Joan um. Wer von den anderen mochte wohl für einen Rückzug sein? Wer konnte damit leben, die SAMOSATA im Stich zu lassen? »Sie feuern!« Sofort zuckten Joans Augen wieder zum Panoramaschirm. Nur waren dort keine Explosionen zu sehen, sondern erneut dieser gelbrote Strahl. Allerdings war der nun deutlich energiereicher. Was an den vier Strahlen lag, die von den äußeren Segmenten stammten und die sich vor der Mündung der Hauptwaffe trafen und für eine signifikante Verstärkung des Hauptstrahls sorgten. Praktisch mit dem Auftreffen auf den Paratronschirm der SAMOSATA begann dieser die Farbe zu wechseln. Das Blau wechselte ins rötliche und Energiegewitter zuckten über den Schirm. »Warum reagieren sie nicht!« Angst begleitete Alshars Stimme. »Der Paratronschirm der SAMOSATA befindet sich im Notfallmodus. Der Einsatz von Waffen und Triebwerken ist derzeit unmöglich.« »Das heißt, entweder er hält oder sie sterben!« »Korrekt.« Nie hatte die Stimme einer KI in Joans Ohren empathieloser geklungen, obwohl dies tatsächlich gar nicht so war. Allein die Aussage ließ es so wirken. »Wir müssen weg!« Alshars Hände ballten sich zu Fäusten. »Ich meine, wenn sie...., wenn die SAMOSATA...., wenn..., dann, dann werden sie wieder auf uns...., ich meine.« Ein kurzes Schluchzen unterbrach ihr Gestammel. Und zwei Atemzüge später klang ihre Stimme deutlich anders. »Können wir denn gar nichts tun?« »Für einen relevanten Effekt fehlen uns die Waffen.« »Wir müssten doch nur den Strahl unterbrechen. Irgendwie. Vielleicht wenn wir hindurch fliegen. Wir aktivieren den Paratron und fliegen einfach...« »Bei der Waffenleistung würde der Paratron beim ersten Kontakt platzen und wir gleich mit.« »Ich meine ja nur.« Seufzend schloss Alshar ihre Augen. »Für das angedachte Szenario gibt es eine Option. Das Destruktionsrisiko ist jedoch sehr hoch und nicht präzise kalkulierbar.« »Details.« Fast synchron kam das Wort aus Fawns und Teyras Mund. »Der Antrieb kann so modifiziert werden, dass eine Gravitationswirkung entsteht, die den Waffenstrahl sphärisch ablenkt.« »Ausführen!« Fawns Stimme klang so laut wie bestimmend. Doch im nächsten Moment kniff er die Lippen zusammen. »Es muss einstimmig sein.« Hastig drehte er sich so, dass er alle im Blick hatte, wobei selbiger ebenso fordernd wie antreibend war. Joan schloss die Augen und dachte daran, wie sie vor wenigen Minuten noch über die Möglichkeit des eigenen Todes nachgedacht hatte und wie erleichtert sie gewesen war, dann doch am Leben geblieben zu sein. Nur, um jetzt vor der Wahl zu stehen, erneut dem Tod ins Auge zu blicken oder 804 Menschen beim Sterben zuzusehen. »Dafür!« Noch mit geschlossenen Augen hörte sie, wie sie das Wort aussprach. »SATA! Ausführung!« Überrascht riss Joan ihre Augen auf und sah gerade noch die Reste von Teyras Nicken. Gleichzeitig hatte sie das Gefühl, dass die SATA 2 den Kurs änderte. Ein rascher Blick zum Panoramaschirm bestätigte es. Und die gespenstische Szene, die dort zu sehen war, ließ weitere Gefühle entstehen. Denn ein rötlich weißes Wabern war genau dort, wo die SAMOSATA wenig zuvor noch gewesen war. Mehr und mehr wurde dieses Wabern unerbittlich angeheizt, von dem unheilvollen Strahl der von dem fremden Schiff kam, das nun über dem Pol des Gasriesen stand. Und der, durch seine mit Schwefel überzogene Oberfläche, gelblich schimmernde Mond, an dem die SATA 2 gerade vorbeiflog, machte die Szene um keinen Deut besser. »Ich möchte jedem von euch die Option eines Sedativums anbieten.« »Rette die SAMOSATA! Ein besseres Sedativum wirst du im ganzen Universum nicht finden!« Joan spürte, wie sich die Muskeln in ihrem Gesicht anspannten. Spürte ebenso, dass sie nie zuvor im Leben einen derart verkniffenen Ausdruck aufgelegt hatte. »Aktiviere Linearmanöver.« »Kannst es Kamikaze nennen!« Gleich nachdem sie es gesagt hatte, spannten sich Teyras Kiefermuskeln, in Erwartung eines fürchterlichen Aufschlags, alles durchdringender Lichtblitze und eine sich in Einzelteile zerlegende SATA 2. Joans Backenzähne begannen zu knirschen, als das diskusförmige Schiff in den Linearraum sprang. Übergangslos wurde der Panoramaschirm dunkel, nur um im nächsten Moment eine wahre Hölle zu zeigen. * Alles, absolut alles vibrierte. Das Schiff, die Sitze, der Boden, der Panoramaschirm und auch jede Faser von Joans Körper. Das Vibrieren war allumfassend und hochfrequent, gleich einem Summen. Selbst die Gedanken fühlten sich summend an. Gedanken, die sich nicht ordnen konnten, angesichts einer Licht- kaskade flackernder rotweißer Lichtblitze, die nicht nur vom Panoramaschirm kamen, sondern omnipräsent waren. Selbst aus Teyras Brust drang das typische Leuchten eines dieser Blitze. Und damit nicht genug begannen die Konturen zu verschwimmen, bis alles dreifach zu existieren schien. Mitten in eine kreatürliche Furcht hinein entstand in Joan ein Gefühl von Faszination, als sie auf ihren rechten Arm blickte, wobei sie nicht wusste, welcher der drei Schemen der echte Arm war. »SATA! Bericht!« » D i i i m e e e n n n s i i i i o o n a a a l e e e Veerzeeeruuungssseeeffeekteee.« Joan spürte, wie sie blass wurde. Denn wenn die KI ausfiel, waren sie verloren. Niemand, auch Fawn nicht, konnte den Antrieb in diesem Chaos steuern. Ganz zu schweigen davon, dass sie ja nicht mal wussten, welche Justierungen die KI vorgenommen hatte. »Hat noch jemand einen letzten Wunsch.« Alshars Worte klangen leicht verzerrt. Und so klagend, wie sie sich anhörten, entlockten sie Joan dennoch ein Lachen, angesichts der offensichtlichen Unerfüllbarkeit jedes noch so kleinen Wunsches. »Was mich betrifft, ich wollte nur noch mal ein Lachen hören.« Joan schluckte und legte den Kopf in den Nacken. `Wie sehr man sich doch irren kann.` Und kaum war dieser Gedanke gedacht, brach erneut ein Lachen aus ihr heraus, lauter, länger, heller, fast schon hysterisch. Was der Wahrheit ihrer Gefühle recht nahekam. Erneut begannen die Konturen zu verschwimmen, alles war nun fünffach zu sehen, doch nicht lange, denn eine steigende Lichtflut begann alles zu überdecken, bis Joan nichts mehr anderes sah, als pures Licht. ´Der Tunnel, wo ist der Tunnel?‘ Gut 15 Gravo Beschleunigungskräfte ließen alles, auch Joans Gedanken, in einem tiefen Schwarz verschwinden.
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